Bild und Wirklichkeit
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Es gab keinen Kaffee mehr. Nun war die

ganze Versorgungslage nach dem Krieg sehr

schlecht und die Menschen mussten

improvisieren. So ließen sie Gerste

ankeimen, trockneten und mahlten die

Körner und fertig war der Malzkaffee.

Von Löwenzahn bis Eicheln - viele hatten

eine Idee wie man Kaffee herstellten

könnte. Und weil es ja nichts anderes gab

und man sich daran gewöhnt hatte, nannte

man das Getränk: Kaffee. Irgendwann

besserte sich die Lage und es gab wieder

diese wunderbaren koffeinhaltigen Bohnen

zu kaufen. Doch mit Kaffee bezeichnete

man jetzt ja den Muckefuck. Kam Besuch

und man hatte den richtigen Kaffee im

Haus, fragte man höflich: „Möchtest Du

eine Tasse Bohnenkaffee?“


Ich weiß nicht, wer die Bezeichnung „Bohnenkaffee“ noch kennt. Jedenfalls erzählte diese Geschichte mit dem Kaffee und dem Bohnenkaffee mein Lehrer für Neues Testament Dr. Genthe aus Erfurt. Er wollte uns Studenten klar machen, was der Unterschied zwischen Leben und ewigem Leben ist. Wir redeten über das Johannesevangelium in dem Jesus spricht: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben.“ Wie kann man das ewige Leben schon haben? Bestenfalls hoffen Menschen nach dem Tode auf das ewige Leben. Unsere Zeit vor dem Tode aber nennen wir schlichtweg: Leben.


Dr. Genthe machte uns deutlich: Dieses Leben ist Muckefuck. Wenn man sich daran gewöhnt hat, trinkt man Ersatzkaffee und meint es sei ein Genuss. Man kennt es nicht anders. Jesus Christus, ja eine Existenz im Glauben bringt das ewige Leben. Er ist der Bohnenkaffee, dessen Geschmack die Menschen schon fast vergessen haben. Und sein Duft füllt nicht erst das Haus beim Trauerkaffee, sondern jetzt und hier - mittendrin im Getümmel.


Es gibt einen Unterschied zwischen Malzkaffee und Bohnenkaffee, zwischen dem Leben und dem ewigen Leben, zwischen den Bildern und der Wirklichkeit. Das ist eine Erfahrung, die viele Menschen auf die eine oder die andere Weise in den letzten Wochen gemacht haben. Für die Schüler nannte man es „Homeschooling,“ aber es waren meistenteils endlose Hausaufgaben. Und auch das andere schöne englische „Homeoffice“ machte zuhause zwar viel Mühe, brachte aber oft nicht die Erfüllung, die anspruchsvolle Menschen von ihrer Arbeit erhoffen.


Wir starren mehr und mehr auf irgendwelche Bildschirme und halten es für die Wirklichkeit. Wer das erste Mal eine Videokonferenz mitmacht, findet es faszinierend dass so etwas funktioniert. Aber irgendwann merkt man, dass der Mensch doch kein flaches Bildchen auf einem Monitor ist. Aus Not gedrungen haben wir viele Ersatzhandlungen erfunden. Es war und ist z.T. noch notwendig, aber es ist nicht das wahre Leben.


So reizvoll die Möglichkeiten im Internet sind manches virtuell zu versuchen - wir haben es sogar mit einem Chor probiert - so ersetzt es nicht das wirkliche Leben. Wenn wir nicht aufpassen, dann ersetzen wir das Leben durch ein virtuelles Leben. Der Gottesdienst wird durch den Fernsehgottesdienst abgelöst. Die Theater schließen, man kann ja Filme schauen. Die Innenstädte sind leer und die Paketzusteller überschlagen sich mit dem Internetversand. Und weil wir kein anderes Leben als auf dem Smartphone kennen, brauchen wir ein neues Wort für das wirkliche Leben: „Real life.“ Die Geschichte mit dem Bohnenkaffee setzt sich fort bis in die Gegenwart.


In den letzten Wochen habe ich eine Lethargie - eine Lustlosigkeit - bei vielen Menschen beobachtet. Es fehlte der richtige Mut etwas zu planen, der Elan hinaus zu gehen, der Antrieb etwas zu unternehmen. Denken wir an das, was Jesus vom ewigen Leben sagte: Es gibt ein Leben vor dem Tod. Da ist ein Leben, was den Namen verdient hat; wirkliches und echtes Leben in einer anderen Qualität. Es ist kein digitales und virtuelles Leben, kein vorgelebtes Klischee am Bildschirm, kein Abbild des Lebens, sondern etwas dass dich selbst betrifft. Es ist das Leben im Du und Du mit dem Herrn im Himmel und mit richtigen, lebendigen Menschen mit denen ich mich treffen und lachen kann.


Zu dieser Gemeinschaft können wir jetzt wieder in unserem Ort und in unserer Kirche finden. Die Zeit als die Selfies in den Kirchenbänken die richtigen Besucher ersetzen, ist vorbei. Diesen Sonntag werde ich sie abnehmen und ich hoffe, dass aus den Abbildern richtige Gesichter werden. Es wird Zeit den Muckefuck durch das anregende Original zu ersetzen.


Haben Sie Mut und trauen sie dem Leben,

                    es grüßt Sie herzlich Ihr Pfarrer Torsten Schneider



PS. Die Rufer in den echten und originalen Gottesdienst sind die Glocken der Kirchen. In diesen Tagen feiert die Betglocke in der Schnellmannshäuser Kirche ihren 90. Geburtstag. Dazu gibt es ein Video im virtuellen Raum des Internets. Besser aber ist der originale Klang vor dem Gottesdienst in dem schönen Dorf. Jetzt im Sommer erklingt er alle 2 Wochen am Sonntag um 11.00 Uhr.