Das böse C-Wort
 



Können Sie es noch hören? Mir geht es so, dass ich die ganzen Nachrichten manchmal nicht mehr ertrage. Es zu viel, wenn ich spüre, dass es mir eng in der Brust wird, wenn ständig von C… gesprochen wird. Da liegt es bleischwer auf meiner Schulter, als müsse ich die ganze Last der Welt tragen. Dabei bin ich gar nicht in der Lage das Leid der Welt zu schultern.


In solchen Momenten hilft es mir bewusst zu machen, dass ich doch nicht der liebe Gott bin. Ich brauche nicht das Leid der Welt zu tragen. Ich kann es auch gar nicht. Dann gehe ich in unsere Kirche und sehe Christus am Kreuz. Er hat unser Leid getragen. Gott kennt durch Jesus die Not und die Sorge. Er ist selbst durch das tiefe Tal gegangen.


Jetzt in der Passionszeit gedenkt die Kirche

von alters her dem Weg Christi durch das

Leid. Jetzt in der Passionszeit erleben wir auch

die Momente der Tiefe und der Angst.

Am Schwierigsten finde ich die eigene

Ohnmacht. Ich möchte gern etwas tun und

aktiv werden, aber ich bin verbannt in die

Abgeschiedenheit.


Mir wird klar, warum Jesus so ohnmächtig

am Kreuz stirb. Er hat es auch erfahren,

was wir erfahren. Der allmächtige Gott

wird ein ohnmächtiger Mensch in Jesus

Christus. Damit ich in meiner Ohnmacht

weiß, Gott steht an meiner Seite.


Es ist sicher kein Zufall, dass wir jetzt in der Passionszeit diese schwierige Situation erleben. Die Fastenzeit diente über Jahrhunderte für Einkehr und Besinnung. Im Moment telefoniere ich mit vielen Menschen. Und manche erzählen mir davon, wie sie über die Welt und das Leben neu nachdenken. Vieles was früher wichtig und wert war, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Es ist einfach abgesagt. Angesagt ist aber sich zu besinnen und über die eigenen Werte und Prioritäten nachzudenken.


Nun geht die Passionszeit über 40 Tage und danach kommt das Osterfest. Noch kann keiner sagen, wie lange unser Zustand anhält. Es ist fraglich, ob wir zum Osterfest am 12. April schon die Hände wieder reichen können und feiern. Sicher aber ist die Auferstehung. Christus ist auferstanden und auch wir werden aufstehen aus dieser Zeit. Ich hoffe, dass wir verändert zu einem Leben aufstehen mit einem Sinn für die Mitmenschlichkeit und unsere Natur.


Die Natur atmet gerade auf. Es ist Ruhe am Himmel, weil keine Flugzeuge fliegen. Notgedrungen rauchen keine Industrieschornsteine. Was den Menschen Sorgen macht, weil sie um ihr Einkommen bangen, ist eine Atempause für unsere Natur, die wir schon so lange plündern. Wir sind plötzlich gezwungen, darüber nachzudenken, ob wir die vielen billig produzierten Dinge wirklich gebraucht haben. Unser Lebensstil mit Urlaub in den entlegensten Gebieten der Erde hat den Virus in den letzten Winkel der Welt getragen.

Werden wir nach der Pandemie einfach so weiter machen?


Eine Beobachtung mache ich in den Tagen, in denen ich diesen Text schreibe: Es ist ein unglaublich schöner Frühling. Als ob der HERR uns zum Trost und zur Hoffnung die Natur aufblühen lässt. Manchmal ist es richtig irreal. Ich schaue aus dem Fenster und das Leben bricht in strahlender Sonne auf und dann höre ich die Nachrichten und erstarre.


Wissen Sie, zeitweise verhänge ich eine persönliche Nachrichtensperre. Ich will ja nicht ignorant sein und die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Aber ich merke, wie es mir gut tut, eine bestimmte Zeit keine Nachrichten zu sehen, kein Fernsehen zu gucken und nicht im Internet zu lesen. Ich bleibe informiert, aber die Last fällt von den Schultern.


Die Welt kann ich nicht retten. Die Welt ist gerettet durch Christus. Aber vielleicht kann ich einem Menschen helfen mit einem freundlichen und mutmachenden Wort. Das geht nur, wenn ich selbst Mut und Hoffnung habe. Es gibt eben nicht nur das böse C-Wort in dieser Zeit. Da gibt es auch ein sehr hoffnungsvolles C-Wort und das heißt: Christus.


Weil wir auf ihn hoffen dürfen, ist es sinnvoll, hilfreich und gut, dass wir die Hände falten und beten. Die Kirchentüren stehen weiter offen von 10-18 Uhr. Unsere Glocken läuten zu den vormals geplanten Zeiten. Und wenn wir uns nicht versammeln dürfen, dann rufen wir uns an, sprechen uns Mut zu über den Gartenzaun. Wir bleiben durch Christus im Herzen und Glauben verbunden. Es ist jetzt eine Zeit sich im Glauben zu bewähren und Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu leben.


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen Ihr Pfarrer Torsten Schneider