Drei gute Dinge
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Manchmal könnte ich mich aufregen. Es gibt so fromme Vorschläge, die bringen mich auf die Palme. Ich weiß nicht mehr, wo ich es in meinen kirchlichen Verlautbarungen gelesen habe, aber ein Vorschlag richtete sich an unsere Gemeindekirchenräte. Wir mögen doch bei unseren Sitzungen drei Dinge benennen, die in dieser Krise positiv gewachsen sind. Ich verstehe ja die Intension: Wir sollen nicht nur depressiv wie die Trauerklöße ums Verflossene weinen. Ich bin aber dafür, die Dinge mit dem Namen zu benennen, den sie haben. Die ganzen geplanten Gottesdienste und Veranstaltung sind ausgefallen. Die Gemeinschaft und so lebenswichtigen persönliche Kontakte haben nicht stattgefunden. Und ganz traurig macht mich, dass das Singen und gemeinsame Musizieren als Seuchenherd gilt.


Ihnen als lieber Leser und geschätzte Leserin liegen sicher auch ihre drei schlimmsten Punkte sofort auf der Zunge. Und manchmal müssen sie auch ausgesprochen werden. Dann muss es raus und des Herzens Kammer will gelüftet sein. „Herr, Gott höre die Stimme meine Klage!“ (Psalm 64) - Mit den Psalmen der Bibel lässt es sich aus der Tiefe klagen. Die Beter in der Heiligen Schrift haben es sich getraut, Gott alles auf die Ohren zu drücken. Das hilft und wenn des Herzens Kammer gelüftet ist, dann ist frische Luft zum freiem Atmen da.


Leider ist es in unserem Landen ein Brauch, dass viele Menschen ihr Herzensfenster nur ankippen. Da wird in kleinen Dosen die schlechte Luft an die Umwelt abgegeben und man nennt es „Jammern.“ Bei dieser verbreiteten Tätigkeit wird das Herz nie frei. Der Dauerzustand der Bedrückung wird gepflegt. Wenn sich die Richtigen im Gespräch gefunden haben, sind sie sich am Ende immer sicher, dass die Welt böse und gemein ist.


Wenn das Gespräch ins Jammertal rutscht, werfe ich auch manchmal Seile in die Tiefe. Und vielleicht käme ich auch auf die Idee, meinem Gegenüber vorzuschlagen, etwas Positives zu nennen. Halten wir also dem oben genannten Vorschlag zugute, verhindern zu wollen, dass der Gemeindekirchenrat zum Kirchenjammerclub abrutscht.


Gibt es drei Dinge, die in dieser Zeit in guter Weise entstanden und gewachsen sind? Hier wäre der richtige Punkt, den Werratalboten mal kurz aus der Hand zu legen und eine Tasse Tee oder Kaffee zu machen. Gibt es bei Ihnen in dieser Zeit etwas Gutes und Sinnvolles, was entstanden und gewachsen ist?


Mir sind jetzt nur zwei Sachen einfallen:

Sie glauben gar nicht wieviel Spaß es mir

macht mit Eric Deisenroth Videos zu

drehen. Er ist nicht nur ein guter Musiker,

der den kurzen Filmen bei YouTube den

richtigen Kick gibt. Er schneidet die

Filme auch professionell. Das letzte

Video über die Glocken in der Schnell-

mannshäuser Kirche hatte binnen eines

Tages 500 Zuschauer. Da schauen Leute,

die ich nie sehe. Damit hatte ich nicht gerechnet.


Das andere lesen Sie gerade und das ist meine wöchentliche Kolumne hier im Werratalboten. Ich werde vom Leuten angesprochen, von denen ich gar nicht gedacht hätte, dass sie sich für kirchliche Worte interessieren. Wenn dies also in Herz und Sinn bewegt, will ich es gern weiter tun. Wahrscheinlich werde ich es nicht jede Woche schaffen. Wenn das kirchliche Leben wieder in Echt stattfindet, wird meine Zeit knapper und auch in der Urlaubszeit ist das schwierig. Aber eines habe ich mir überlegt: Ich werde das Gemeindeblatt einstellen. Vom Verfassen bis zum Satz, Druck und dem Verteilen hat es mir immer viel Arbeit (aber auch Freude) gemacht. Dennoch haben wir bei weitem weniger Menschen erreicht als mit dem Werratalboten. Ich kann die Veranstaltungen und Nachrichten hier und auf unserer Homepage ganz genauso veröffentlichen. Dadurch habe ich mehr Zeit hier einen Artikel zu schreiben.


Was ich an Positiven in dieser Wochen erfahren habe, ist die Erkenntnis, dass es gut ist manchmal neue Wege zu gehen. „Wenn ich mein Schatz nicht rufen kann, tue ich ihm winken.“ Aus der Not entstehen kreative Ideen, auf die wir im Trott des Alltags nicht gekommen wären.


Es gibt keine Situationen im Leben aus denen sich nicht etwas machen lässt. Mag sein, dass dies die dritte positive Erkenntnis aus der Zeit ist. Eine Erfahrung, die Sie vielleicht auch schon gemacht haben. Im Gottvertrauen lässt sich aus jeder Zeit etwas gewinnen. Gott ist nicht in fernen Himmelshöhen. Jesus Christus ist heruntergekommen in die Tiefen unsere menschlichen Niederungen und in unser Jammertal. Auch wenn du gar keine Lust darauf hast und es dich nervt, wenn einer noch drei positive Aspekte aus dem ganzen Elend herausquetschen will: Solange du lebst, gibt einer dir Hoffnung. Er öffnet Wege, wo wir Wege enden sehen.

Psalm 30 sagt: „Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen; du hast mir meinen Sack ausgezogen und mich mit Freude gegürtet.“ Gott hat noch eine Idee für dein Leben. Glaub es und mach was draus!


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen Ihr Pfarrer Torsten Schneider