Freue dich mit!
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Es ist nicht alles schlimm. Wer den Krisen-

modus des Fernsehprogrammes verlässt und

aus dem Fenster schaut, der stellt fest: Frühling!

Das pure Leben erwacht wie in jedem Jahr.

„Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt…“


Gewiss, ich vermisse sie: Die Gespräche an der

Kaffeetafel; die Menschen mit denen ich

Ostern gefeiert hätte; die Konzerte und Aus-

stellungen; die Gottesdienste und das Singen

und Musizieren miteinander. Es gab so viele

ganz einfache Dinge, deren Wert ich jetzt erst

schätzen kann. So geht es mitunter: Werde ich

krank, dann denke ich daran, wie schön das

Leben ohne diese Krankheit war. Doch nicht

selten erlebe ich Menschen, die nach über-

wundener Krankheit in einer besonderen Dankbarkeit leben.


Nun hat unsere erzwungene Situation trotz allem etwas Tröstliches. Sie macht uns gleich - es geht allen so. Bis Anfang des Jahres spielte es noch eine Rolle, wer wohin in den Urlaub fliegt oder eine Kreuzfahrt gebucht hat. Man redete darüber wie rauschend ein Fest gefeiert wird oder ob der Nachbar jetzt SUV fährt. Jetzt kümmert keinem die Automarke, die vorm Supermarkt parkt, sondern nur, ob wieder Toilettenpapier vorrätig ist. Nicht nur in diesem Fach sind alle noch gleich. Bisher trifft alle die Einschränkung des Lebens.


Doch es wird nicht so bleiben. Zum Zeitpunkt an dem ich den Artikel schreibe, wird über Lockerungen diskutiert und sie sind jetzt zum Erscheinen gewiss schon beschlossene Sache. Damit endet die Gleichheit. Es wird Menschen geben, die mehr dürfen als andere. Den Schülern gestehen wir es gerne zu. Die Familien sind nicht immer gut mit der erzwungenen Nähe ausgekommen. Kinder und Jugendliche brauchen ihre Freunde und sind selbst nicht gefährdet.

Die jungen Menschen werden zuerst die neuen Freiheiten genießen. Wir brauchen sie. Die Jüngeren arbeiten für den Lebensunterhalt aller. Die jungen Menschen wollen dann aber wieder feiern. Stehen die Alten dann hinter der Scheibe und schauen zu? Wie halten wir nur Ungleichheiten aus?


Wir Menschen kommen mit Ungleichheiten schlecht aus. Davon lesen wir schon im 4. Kapitel der Bibel. Kain war ein Bauer und Abel ein Schäfer. Es sind nicht nur unterschiedliche Lebensumstände, die uns Menschen trennen. Bei uns werden es nicht Ackerbau oder Viehzucht sein, sondern vielleicht alt und jung, bzw. gefährdet und genesen. Kain wird in dem Moment zornig, als er sich von Gott zurückgesetzt fühlt. Immer dann, wenn wir einem anderen sein Glück und Leben neiden, fängt das Unheil an. Das wird eine der schwierigesten Aufgaben der nächsten Wochen sein: Halten wir es aus, dass wir nicht mehr alle gleich eingesperrt sind? Gönnen wir denen, die immun sind ihre neu gewonnene Freiheit?


Die Geschichte von Kain und Abel geht bekanntlich nicht gut aus. Gott aber gibt Kain einen Tipp, der wohl dem Menschen ansich gilt: „Beherrsche Dich! Wenn Dich böser Neid erfasst: Reiss Dich zusammen! Du hast die Macht nicht mit den bösen Zungen zu reden.“


Wir können anders und das haben wir in den letzten Wochen gelebt. Viele Menschen haben ihre Sympathie und Wertschätzung mit den Pflegenden in den Krankenhäusern und Heimen bekundet. Wir haben Berufe schätzen gelernt und über ihre Bezahlung nachgedacht. Das Mitfühlen mit den Kranken und Trauernden umfasst den ganzen Globus. Menschen, die Angehörige im Pflegeheim haben oder besondere psychische Last tragen, erfahren große Nähe und Anteilnahme. Nicht alles ist schlimm: Die Not bringt auch das Gute im Menschen hervor: die Gabe zu Barmherzigkeit und Mitgefühl. Die Not lehrt nicht nur beten, sondern zeigt auch echte Freunde.


Darum gilt jetzt, was schon die Großmütter sagten: Vergleiche sind vom Teufel! Das Böse kommt immer dann in meine Welt, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Irgendeinem geht es immer besser, der es vermeintlich nicht verdient hat.


Halten es wir lieber mit dem Apostel Paulus, der einmal schrieb: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander.“ Freuen wir uns über gelingendes Leben in jeder Form! Jetzt im Frühling, wo die Amsel singt... Und freuen wir uns auch, wenn sich junge Leute in den Armen liegen und lachen. Freue dich mit und gönne es allen.


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen! Ihr Pfarrer Torsten Schneider