So seid nun geduldig
Startseite.html
 



„Drei Wochen war der Frosch so krank!

Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank!“


Wo stand das noch? Nicht dass das

Rauchen in diesen Tagen ein Zeichen

von Gesundheit sei. Bei Wilhelm Busch

aber liegt der Frosch wohlig unter seinem

Blatt mit verbundener Stirn und der Pfeife

entfleucht ein Wölkchen. Nachdem ihn

die Enten so malträtiert haben, hat es drei

Wochen der Genesung gebraucht.


Drei Wochen, ach wäre das schön! Als das Elend in Deutschland anfing, habe ich begonnen an jedem Morgen einen Psalm in der Kirche zu lesen. Heute, wenn dieser Artikel erscheint, bin ich bei Psalm 48. Der ganze Psalter umfasst 150 Psalmen und man erschreckt mich immer wieder, dass sie nicht reichen könnten.


Ja, wenn der Frosch doch nur drei Wochen im Bett gelegen hätte! Aber er liegt immer noch dort. In dieser Zeit machen wir etwas durch, was sonst nur Kranke erfahren. Wie oft habe ich mich mit Menschen unterhalten, die eine langwierige Erkrankung durchmachen mussten. Sie haben mir erzählt von der Diagnose und den mühsamen Behandlungen, aber auch von der Hilflosigkeit der Ärzte und diesem einen Satz: „Sie müssen eben Geduld haben!“ Am Ende unseres Gespräches waren wir oft wieder am Anfang und bei der Erkenntnis, dass nichts bleibt als sich in Geduld zu üben.


Nun liegen wir schon mehr als drei Wochen unter dem Blatt wie der Frosch, nur dass das Tuch nicht über der Stirn, sondern über Mund und Nase sich befindet. Die Situation ist paradox. Obwohl du weder Symptome noch Schmerzen hast, darfst du dennoch das Bett nicht verlassen. Gut, nach den Lockerungen ist es möglich mit dem Rollator durch den Kur-(Einkaufs-...)park zu schieben. Immer aber haben wir die Stimme von Schwester Angela im Ohr: „Lieber Patient, übernimm dich nicht! Sonst kommt es zum Rückfall.“ Ja, wir wissen, sie meint es gut.


Aber immer die Mahnungen zur Geduld! Jetzt verstehe ich die Menschen viel besser, die mir von ihren langwierigen Erkrankungen erzählt haben. Manchmal bin ich auch nicht mehr geduldig, sondern einfach nur entnervt. 


Es sind die Psalmen, die mir Worte geben meine

Klage nach oben weiter zu reichen. Bei Lesen

der Bibel entdecke ich jetzt immer öfter

Menschen, die ebenso Probleme mit mangelnder

Geduld hatten. In der Zeit der frühen Kirche

war es sogar eine der größten Sorgen:

Jesus war von den Toten auferstanden und alle,

die an ihn glaubten, dachten: „Jetzt bricht bald

das Reich Gottes an.“ Manche verkauften Hab

und Gut und schenkten es den Armen. Paulus

meinte, es lohnt sich eigentlich nicht mehr zu

heiraten. Wir lesen es in den Evangelien:

„Die Zeit ist kurz!“ In Wirklichkeit aber warten

wir auf den Anbruch von Gottes Reich bis heute.

Dieses Warten ist ein Teil unseres Glaubens

geworden und wir feiern es jedes Jahr besonders im Advent. Bereits in der Bibel zeichnet sich der Gedanke ab, dass alles viel länger dauert, als erhofft. Im Jakobusbrief zum Beispiel steht: „So seid nun geduldig, liebe Geschwister, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“ 


Da ist sie wieder: Die Geduld und die Erkenntnis, dass alles viel länger dauert als erhofft. Von wegen, „Drei Wochen war der Frosch so krank,“ im Jakobusbrief wird in landwirtschaftlichen Zeiträumen gedacht, von Jahresfristen. So etwas müssen wir wohl lernen.


Die Geschichte der Kirche zeigt, dass man das Warten ins Leben integrieren kann. Es wurde zu einer geistigen und geistlichen Kraft. Jedes Jahr warten wir im Advent bis das Kind geboren wird. Jedes Jahr fasten wir in der Passionszeit bis der Herr aufersteht. Wir sehen ihn Himmelfahrt in ferne Wolken entschwinden und hoffen Pfingsten darauf wenigstens im Geiste schon bei Gott zu sein. Der ganze christliche Glaube ist ein Warten und ein Geduldig-Sein bis es endlich die große Party an Gottes Tisch gibt.


Im Moment ist ebenso eine Zeit, eine neue Kultur des Wartens zu gründen. Wenn ich mich umschaue, so entwickeln sich bereits die ersten Ideen. Der virtuelle Chor hat diese Woche seinen ersten Auftritt im Internet. Tote Steine werden Zeichen lebendiger Freude. Kinder bemalen Steine bunt mit Farbe und legen sie auf den Innenhof vom Treffurter Pflegeheim. Musiker machen Wohnzimmerkonzerte und Menschen umarmen sich symbolisch mit Gesten. Es sind die Zeichen, dass wir auf das wahre Leben wieder warten. Wir werden jetzt kreativ, weil es noch nicht die große Party gibt. Die Zeit des Warten ist eine Chance geistig und geistlich zu wachsen und in einer anderen Art das Leben neu zu gestalten.


Bleiben Sie nicht nur tapfer und im Gottvertrauen, sondern werden auch kreativ und ideenreich. Auch diese Zeit ist von Gott geschenkte Lebenszeit.

                                                                                           Ihr Pfarrer Torsten Schneider