Geht nicht, gibts nicht!
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Eines muss ich zugeben: Ich bin kein Tänzer. Das Tanzen wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Vielleicht mag es daran liegen, dass ich einst an einem Karfreitag geboren wurde und bekanntlich sind am Karfreitag alle Tanzveranstaltungen verboten.  Allerdings bedaure ich auch, dass mir diese Gabe nicht gegeben ist. Ich liebe das Tanztheater und besonders den freien Ausdruckstanz der Palucca-Schule von Dresden. Wenn Menschen im Tanze ihre Lebensfreude zeigen, geht mir das Herz auf.


Im Moment aber heißt es noch: „Geht nicht!“ Es gibt keinen Tanz und kein Theater. Menschen dürfen sich nicht umarmen, geschweige denn miteinander tanzen. Mit den Wochen geht es ziemlich auf die Nerven. Auch wenn die Vernunft sagt, dass es sein muss, wächst mehr und mehr die Sehnsucht. Wie wird es schön sein…


Das ganz normale Leben wird zu einem Sehnsuchtstraum. Sicher waren wir kreativ um aus der Not eine Tugend zu machen. In den Kirchen hängen viele Fotos von Menschen, die im Geiste dabei sein möchten. Aber ein richtiger Gottesdienst mit lebendigen Menschen wäre mir lieber.

Gerade jetzt zum Osterfest brachte uns immer die österliche Freude zusammen. Schon am frühen Morgen um 8.00 Uhr standen um die fünfzig Christen auf dem Treffurter Friedhof und sangen: „Christ ist erstanden.“ Gegen alle Resignation, gegen den Tod und den Zweifel protestierten die Protestanten für ihre Hoffnung. Ich weiß nicht, ob in der Geschichte des Christentumes jemals der Ostergottesdienst abgesagt wurde.


So werde ich wohl am Ostersonntag in

der Kirche wieder allein stehen. Nein,

so ganz allein werde ich nicht sein. Ich

spüre nicht nur die Gedanken und die

Sehnsucht der Menschen, die am

offenen Fenster die Glocken hören.

Mein Blick geht nach oben zu dem

Kreuz in unserer Treffurter Kirche.

Er ist auch da. Er ist lebendig. Wer es

glaubt und hofft, kann es an diesem

Kreuz erblicken.


Wenn ich Kinder und Jugendliche

durch unsere Kirche führe, dann stehen

wir oft vor diesem Kreuz und be-

trachten es. Es ist ein barockes Kruzifix,

welches einst einmal frei schwebend im

Kirchenschiff hing. Ich lasse die Kinder

gern raten, woran man an diesem Kreuz sieht, dass Jesus nicht tot, sondern lebendig ist. Es ist der Lendenschurz. Bei einem Toten hängt so ein Tuch tot nach unten. Bei unserem Treffurter Kreuz fliegt der Lendenschutz, als ob Christus sich am Kreuze im Kreise dreht. Ja, der auferstandene Christus tanzt am Kreuz. Ostern blicken wir auf den Lebenden.


Dieses Kreuz in der Kirche lässt uns sehen, was eigentlich nicht geht. Ein Mensch kann nicht am Kreuz hängen und dennoch tanzen. Aber bei Gott gilt auf anderer Weise der beliebte Handwerkerspruch. Er macht möglich, was nach Menschenmaß unmöglich erscheint. Ein Toter wird lebendig. Einer der festgenagelt ist, beginnt zu tanzen.


Wer weiß, wie lange wir noch festgenagelt sind im Hausarrest? Eines aber ist gewiss: Es ist trotzdem Ostern geworden. Jesus Christus ist auferstanden auch ohne unser Zutun im Gottesdienst. Er hat uns längst die Hand zu einem Tanz gereicht und im Glauben drehen wir uns freudig in Hoffnung.


Der Glaube ist auch immer eine Sehnsucht nach

dem, was noch nicht ist. Natürlich müssen wir

mit Tränen von unseren Toten Abschied nehmen

. Aber dennoch dürfen wir hoffen, dass Christus

ihnen die Hand reicht. Und wir selbst können

getröstet sterben in der Sehnsucht in der

anderen Welt zum Tanz aufgerufen zu werden.

Dort kann ich dann sicher auch tanzen und

trete nicht mehr meiner lieben Frau auf die

Füße.


In dieser Welt müssen wir uns in Geduld üben.

Wir werden uns in jetzigen Situation noch ein

Wenig ausharren müssen. Aber solange es

keinen Tanz gibt, wächst in uns mehr und mehr die Sehnsucht und die Hoffnung. Wie wird schön es sein… hier und dort.


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen Ihr Pfarrer Torsten Schneider


PS. Wenn Sie ganz so ungeduldig sind, lesen Sie mal in der Bibel Prediger Kap. 3 laut vor: „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit…“