Willst Du gesund werden?
Startseite.html
 


Sie war ein besonderer Mensch. Gewiss lag es schon an ihrem Elternhaus, dass sie auch im Alter an vielem interessiert war. Eine Eigenschaft von ihr war die Dinge zu hinterfragen. Die Beharrlichkeit darin findet man selten bei älteren Menschen. Es war nicht die Art von Fragen, die über Gott und die Welt jammern, sondern auf intelligente und grundsätzlich Weise. Sicher, sie konnte damit einen schon mal aus dem Konzept bringen. Doch daraus entstanden oft angeregte Diskussionen und interessante Gespräche. Leider geschah es, dass sie vor dem Haus stürzte und der Arzt stellte eine schwere Krankheit fest. Es hätte sein können, dass sie einfach tot umfällt. Von nun an ging sie nicht mehr vor die Tür. Keine interessanten Gespräche, kaum Kontakte und nur noch wenige soziale Kontakte. Dieser Zustand dauerte wohl über zehn Jahre. Dann ist sie gestorben. Doch sie starb nicht an dem, was der Arzt damals diagnostizierte und an etwas ganz anderem. Sicher war es nur mein Eindruck, aber ich hatte das Gefühl, dass sie die ganzen Jahre in Angst vor dem Tod auf das Leben verzichtete.


In diesen Tagen muss ich immer wieder an diese Frau denken, wenn ich von älteren Menschen höre, die sich nicht mehr vor die Tür trauen. Es gibt die Angst vor dem Tod, die uns dazu bringt auf das Leben zu verzichten. Sicher ist es paradox, doch nur wer diese Angst selbst einmal erfahren hat, weiß dass man darin gefangen nicht logisch handelt. Manchmal braucht man einen Augenöffner, der es nicht gut meint, sondern ehrlich ist.


Wenn ich in der Bibel lese, erfahre ich, dass Jesus mit dieser Wahrhaftigkeit auf die Menschen zu gegangen ist. Manchmal war er dabei sehr direkt. Da sagt er laut Johannesevangelium: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Er sagt es uns auf den Kopf zu, dass die Angst in dieser Welt zu unserem Leben gehört. Aber er nennt auch den Ausweg im Glauben. Am Teich Betesda lag 38 Jahre ein Kranker und wollte das ein Wunder geschieht (Joh. 5). Jesus stellt aber dem Mann die Frage: „Willst du gesund werden?“ Man könnte denken, dass sei eine dumme Frage an einen, der so lange krank war. Aber in dieser und in unserer Geschichte ist es die entscheidende Frage. Der Kranke hatte sich längst eingerichtet in seiner Krankheit. Und wir erleben dass Ängstliche sich in ihrer Angst einrichten. „Willst du gesund werden?“ Willst du heraus aus der Angst?


Manche Menschen haben es darin leichter im Leben. Sie sind einfach tapferer und haben weniger Scheu. Ich gebe zu, dass ich auch lieber vorsichtig bin. Da wäge ich dreimal die Gefahren ab. So etwas liegt im Wesen eines jeden Menschen und man bekommt es wohl in die Wiege gelegt. Es gibt aber ebenso Menschen, die sind sträflich unversichtig und vielleicht können sie auch nichts für ihre Dummheit. Der richtige Weg muss

irgendwo dazwischen liegen.

Der Philosoph Aristoteles hat in

dieser Frage die Ethik des rechten

Maßes formuliert: Zwischen den

Polen der Feigheit und der Toll-

kühnheit liegt das rechte Maß der

Tapferkeit. Diesen Gedanken finde

ich sehr hilfreich für unsere Zeit.

Zwischen der Angst, die das ganze

Leben lähmt und der Unvernunft,

die die nächste Ansteckungswelle

verursacht, gibt es einen Mittelweg. Lebe tapfer mit Gottvertrauen!


Man muss ja nicht bei Orkan im

Wald spazieren gehen, aber man

braucht auch nicht ein Schild vor

dem Waldweg auf den Normann-

stein hängen: „Vorsicht, sie

könnten vom Ast erschlagen

werden.“ Ein Wald ist ein Wald

und da können Äste brechen, gerade durch die Trockenheit. Das ganze Leben ist gefährlich und endet bekanntlich mit dem Tode.


Letztens hatte ich Gottesdienst in der katholischen Kirche von Wendehausen. An der Kirchentür las ich ein Schild, dass von einem gewissen Humor unserer katholischen Geschwister deutet: „Gottesdienst auf eigene Gefahr!“ Die größte Gefahr im Gottesdienst ist, dass man sich anstecken könnte mit anderen Gedanken. Da schwirrt ein Geist durch die Luft, der die Angst nimmt und dem Leben eine Mitte gibt, die nicht von dieser Welt ist. Das ist in der Tat gefährlich, wenn man es sich eingerichtet hat in der Welt und der eigenen Angst. Hier fragt jemand: „Willst du gesund werden?“


Also trau dich, sei tapfer in den Wirren der Welt und finde wieder das Gottvertrauen, dass Leben zu ergreifen. Ihr Pfarrer Torsten Schneider