Ich habe einen Traum
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Im dem Jahr in dem ich geboren wurde,

ist er gestorben. Genau genommen ist er

acht Tage vor meiner Geburt erschossen

worden. Er hatte damals einen Traum

für den er mit seinem gewaltsamen Tod

bezahlte. Inzwischen sind seitdem

52 Jahre vergangen und zwischenzeitlich

sah es so aus, als würde sein Traum in

Erfüllung gehen. In meiner Jugend war

er neben Jesus und Mahatma Gandhi

eines meiner großen Vorbilder. Denn

alle drei lebten und glaubten, dass die

Welt sich verändern kann, wenn man

gewaltfrei Widerstand leistet. Nun

gehöre ich zu einer der Generation, die

den weltgeschichtlich seltenen Umstand

erfahren haben, dass dies wirklich

möglich ist. Auch wenn es schon 30 Jahr

her ist, so ist der Beweis geführt, dass es tatsächlich geht ohne Gewalt die Welt zu verändern. Und der Traum wurde auch in seinem Heimatland weiter geträumt. Es geschah, dass das Weiße Haus nicht mehr ganz weiß war. Die Jahre gingen vorüber in denen Menschen seinen Traum mit träumten. Dann kam das böse Erwachen. An dem Tag an dem George Floyd mit einem angeblich gefälschten 20 Dollarschein bezahlte, wurde vielen klar, dass sich nichts geändert hatte. Die Hautfarbe entscheidet immer noch was geschieht, wenn einer spricht: „Ich kann nicht atmen.“ Ist dem Traum von einer gewaltfreien Welt endgültig die Luft ausgegangen?


Heute schreibe ich von Martin Luther King und Ereignissen in den USA und manche denken vielleicht: „Ja, die dort in Amerika…“ Andere Länder sind gern eine Projektionsfläche für die eigenen Vorurteile. Wir sehen die Bilder im Fernsehen von Demonstranten und brennenden Häusern in Minneapolis und denken: „Da möchte ich nicht wohnen. Gut, dass ich in Deutschland lebe.“


Dabei hat uns neben dem einen Virus längst ein anderer befallen. Gewalt ist in den Köpfen als Mittel der Lebensbewältigung angekommen. Früher war ich ein heißer Fan vom Tatort. Der Sonntagabend war fast so heilig, wie der Sonntagvormittag. Jetzt gibt es Mord in Istanbul, in Amsterdam, in Barcelona, an der Nordsee, in Neuseeland, überall. Die ganze Woche gibt es Mord und ich mag keinen Tatort mehr. In der medialen Welt hat es begonnen, dass Gewalt wohl das einzig Interessante noch ist.


In der realen Welt ist es jetzt ein Jahr her, dass Walter Lübcke erschossen wurde und kein Jahr ist der Anschlag auf die Synagoge in Halle vergangen. Gewalt ist kein amerikanisches Problem, sondern fängt in den Köpfen an und drückt sich in unserer Sprache aus.


Vier Mädchen sitzen auf der Parkbank an der frischen Luft und lachen miteinander. Wo liegt das Problem? Ein alter Mann kommt des Weges und schnauzt sie voll, dass sie die Corona-Auflagen nicht einhalten. Die vier haben ein schlechtes Gewissen, aber ärgern sich auch, dass sie Wochen lang zu Hause waren, damit der Virus sich nicht ausbreitet. Ein Virus, der wohlgemerkt den alten Mann und nicht die jungen Mädchen gefährdet!


Solche Vorfälle ereignen sich immer öfter in dieser Zeit. Letztens eskalierte die Lage in einem Supermarkt, als ein Mann aufgefordert wurde, doch einen Einkaufswagen zu nehmen. Wer es erlebt hat, schildert wie irreal sich eine harmlose Situation aufschaukeln konnte. Menschen werden fertig gemacht, weil sie sich vergessen haben die Hände nach der Toilette zu desinfizieren oder allein im Bahnabteil die Maske abgesetzt haben. Und oft sind Frauen die Ziele verbaler Gewalt und leider nicht nur solcher.


Dabei sind die Mechanismen wie es dazu kommt, so alt und simpel und ganz leicht zu durchschauen. Es steckt ganz tief in uns Menschen drin, dass wir andere klein machen um selbst groß zu erscheinen. Vielleicht brauchen wir das manchmal für unser Ego um Bewunderung und Selbstbestätigung zu erhalten. Aber es kann eben auch fatale Formen annehmen, wenn nicht nur Lob erheischt werden will, sondern ein anderer oder hier oft „eine andere“ erniedrigt wird. Klein machen um groß zu sein, heißt das Spiel.


Solche Spiele funktionieren immer nur, wenn alle mitspielen. Wenn jemand Angst macht, dann will er dass der andere Angst bekommt. Wenn jemand in Worten und Taten Gewalt anwendet, zeigt er seinen Machtanspruch. Oder er rechnet zumindest mit Gegengewalt. Nur eines bringt das Spiel durcheinander: Gewaltlosigkeit.


Jesus hat die Gewaltlosigkeit gepredigt und gelebt und vor allem hat er das Spiel durchschaut. Immer wieder wird es falsch verstanden, dass er in der Bergpredigt sagt: „Wenn dir jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere dar.“ Das ist weder Unterwürfigkeit noch Feigheit. Das ist der gewaltlose Widerstand, der nicht mitspielt im Spiel von Gewalt und Gegengewalt. Solche Kreisläufe lassen sich durchbrechen, wenn man den Widersacher verblüfft. Schade ist immer nur, dass einem hinterher die schlagfertigeren Argumente und intelligenteren Antworten einfallen. Aber es geht und es gibt bessere Lösungen, als zurück zu schießen. Hoffentlich in den USA und auch bei uns im Supermarkt.


Hören wir nicht auf diesen Traum zu träumen, dass ein Leben ohne Gewalt nicht nur möglich ist, sondern für uns alle ein Segen.

Darum bleiben Sie entspannt und gelassen, wenn in einer Situation mal wieder das Blut kocht. Anders und überraschend zu reagieren, nimmt der Wut die Wucht. Mit ein bisschen Humor und einem Lächeln lässt sich Dampf aus dem Kessel ablassen. Wer´s im Herzen träumt, wird´s im Leben wagen.


Bleiben sie tapfer und im Gottvertrauen Ihr Pfarrer Torsten Schneider