Ein Lichtblick für den Kopf
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Das kann man nicht mehr mit ansehen! Ich habe mir tatsächlich schon überlegt eine Glatze zu schneiden. Scheitel rechts, Scheitel links, Mittelscheitel; ich weiß nicht mehr wohin mit meinen Haaren. Vielleicht sollte man wissen, dass meine Mutter Frisöse war. Nicht, dass dies zu einer besonderen Eitelkeit bei mir geführt hat, was meine Frisur angeht. Ich habe aber immer die Stimme meiner Mutter im Ohr, wenn sie beginnt einen Menschen zu beschreiben. Sie fängt immer mit den Haaren an. Was wird sie sagen, wenn sie dieses Bild sieht?


Den Plan mit der Glatze habe ich verworfen. Zum einen fänd es kein Gefallen bei meiner lieben Frau. Zum anderen wäre diese Glatze für die Frisöse, wie ein Ausgetretener für den Pfarrer: Eine Enttäuschung. Beides ist nicht nötig, wo der liebe Gott doch Haare wachsen lässt. Und wie viele im Moment! Als ob wir keine Krise hätten?


Gott hat sich etwas dabei gedacht, dass

wir Haare auf dem Kopf haben. Es gibt

viele Bibelworte, die dem Haar des

Menschen Bedeutung zu kommen lassen.

Nicht nur die Geschichte des Simson,

dessen große Stärke mit der Fülle seines

Haares zusammen hing. Eine spannende

und wenig bekannte Geschichte im Buch

der Richter ab Kapitel 13.

Es gibt auch in den Sprüchen Salomos

diesen feinen Vers: „Der Jünglinge Ehre

ist ihre Stärke, und graues Haar ist der

Alten Schmuck.“ Wenn das nicht tröstet

beim Blick in den Spiegel!



Ein Bibelwort aber hat es mir in diesen Tagen angetan und es ist das ultimative Argument gegen eine Glatze. Im Lukasevangelium steht im 12. Kapitel: „Auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht!“  Gott hat die Haare auf meinem Kopf gezählt und das geht bei dieser Länge sehr gut. Natürlich weiß ich, dass Jesus übertreibt, als ob es Gottes Aufgabe wäre, im Friseursalon zu stehen und den Bestand zu inventarisieren. Es ist eine der Übertreibungen, bei denen Jesus es auf die Spitze treibt, weil er etwas klar machen will. Er sagt damit, dass Gott jedes Haar, jedes kleines Ding im Blick hat. Nichts entgeht dem HERRN, also bitteschön auch nicht dein Schicksal.


Denn das ist eine der drängendsten Fragen in Zeiten meiner Angst: „Hat Gott denn meiner vergessen?“ Viele Menschen müssen mit diesen veränderten Alltag umgehen. Und ehrlich gesagt ist die Frisur dabei das kleinste Problem. Ich denke an die vielen allein lebenden Menschen, deren soziale Kontakt nun noch geringer sind. Mit meinen Gedanken bin ich bei allen, die so gern ihre Kinder und Enkel ganz normal bei sich hätten. Viele, die vormals mit ihrem Verein, den Freunden, mit ihrem Chor oder in der Kirchengemeinde ein reiches Leben führten, sind seit Wochen richtig arm. Aller Ersatz mit Telefon und Internet ist wie eine Perücke: Eben nicht das Echte. Wir betreiben als Kirchengemeinde auch eine Internetseite mit vielen schönen Aktionen. Wir folgen dem Motto: „Lieber eine schicke Perücke, als gar keine Haare.“ Es ist besser ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen, sagt ein Sprichwort.


Im Moment erleben wir haarige Zeiten in denen die einsamen Menschen berechtigt fragen: „Bin ich denn ganz vergessen? Ja, sind wir in der Not von Gott vergessen worden?“


In diesen Augenblicken des Zweifels sollte man sich durchs lange Haar fassen, und des Bibelworts gedenken, dass Gott jedes Haar auf dem Haupt gezählt hat. Auch wenn das Leben das Haupthaar schon gelichtet hat, darf der Gedanke dennoch trösten und Halt geben: Wenn Gott das kleinste Ding nicht vergessen hat, dann hat er Dich auch nicht vergessen! Jesus sagt darum nach dem haarigen Spruch: „Fürchtet euch nicht, ihr seid kostbar!“


Viele Menschen haben in den Zeiten der Not gespürt, dass man solche Zeichen und Signale geben kann: Der Nachbarin zu zeigen, dass man da ist, wenn sie etwas braucht. Den allein stehenden Onkel mehrmals die Woche anrufen und sich unterhalten. Der Zettel im Hausflur: „Übernehme gern Einkaufsdienste!“ Letzte Woche hatte ich einen Live-Videogottesdienst im Pflegeheim. Die Bewohner freuen sich über die Kinder, die ihnen bunt bemalte Steine auf den Hof legen und mal winken. Wir können dieses Zeichen uns jetzt senden: „Fürchtet euch nicht, ihr seid kostbar!“ Gott achtet auf uns Menschen und wir Menschen achten aufeinander. Wir erleben in diesen Wochen in neuer Weise Lichtblicke und die Hoffnung dass sich eine Tür öffnet.


Von einer ganz konkreten Hoffnung las ich in der Zeitung: Eine Tür öffnet sich, nämlich die vom Friseursalon. Diese Woche schon sollen sie geöffnet haben. Ich bin bereit alle die Auflagen einzuhalten. Ein Lichtblick für mein Haupthaar! Und sollte ich noch keinen Termin bekommen, tröste ich mich, dass Gott so besser zählen kann.


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen und verlieren Sie den Humor nicht.

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfarrer Torsten Schneider