Jubilate - Kantate - Rogate
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Loriot geriet einmal mit Evelyn Hamann ins Streitgespräch, ob denn wohl ein Trompeter auch in eine Geige blasen könnte. Sie verwickelten sich darin, ob etwas was theoretisch möglich ist, denn auch praktisch sei. Diesen Sketch sollte man in diesen Tagen lieber nicht zeigen. Denn eine Geige zu spielen ist im Moment unverfänglicher als ein Blasinstrument. In dem Reigen sich ändernder Verordnungen soll auf Blasinstrumente im Gottesdienst verzichtet werden. Eine Geige wiederum ist erlaubt, es sei denn der Trompeter würde in die Geige blasen. Überhaupt steht jede Tätigkeit in Verdacht bei der eine Menge heißer Luft produziert wird. Dazu gehört auch das Singen und so dürften wir am Sonntag Kantate nicht singen. Kantate aber heißt „Singet“ und es entsteht die paradoxe Situation, nur über das Singen zu reden und den Chor schweigen zu lassen. Mit den Lockerungen erleben wir immer öfter solche paradoxe Situationen. Der erste Gottesdienst wurde am Sonntag Jubilate wieder gefeiert. Das war nach so langer Zeit sehr schön, allerdings konnte ich keinen Jubel in den Gesichtern entdecken: Mund-Nase-Schutz.


In der Tat jubeln viele Menschen, dass

das Leben wieder freier und leichter wird. Es scheint, dass die harten Wochen des Hausarrestes den gewünschten Erfolg

hatten. Doch die neu gewonnene Freiheit

wirft mehr Fragen auf, als es das harte

Gesetz der Kontaktsperre zuließ: „Darf

ich nun oder besser nicht?“

Es verwirrt manche Menschen, dass nun

die Bundesländer und Landkreise in der

Verantwortung stehen je nach Infektions-

lage zu entscheiden. Auf der einen Seite

leuchtet es ein, dass bei einem Ausbruch

auf der Schwäbischen Alb nicht die

Restaurants an der Ostsee schließen

müssen. Auf der anderen Seite kommen

die alten Fragen auf: „Warum darf der,

was mir verwehrt ist?“ Es könnten solche

paradoxe Situationen entstehen, dass in

Wanfried andere Verordnungen gelten, als in Treffurt. Halten wir das aus oder stellen wir dann alle Verordnungen in Frage? Nicht selten höre ich solche Bemerkungen: „Die wissen doch auch nicht, was richtig ist.“ Je weniger Menschen den Sinn eines Gesetzes verstehen, um so weniger sind bereit, es einzuhalten. Das kann in unserer Lage gefährlich werden.


Die Frage nach dem Sinn der Gesetze wird bereits in der Bibel gestellt. Zunächst werden die Gebote als sehr hilfreich und lebensfördernd gesehen. Psalm 119 lobt : „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des HERRN wandeln!“  Mit Staunen liest man in den Geboten Gottes, dass sie vor allem dem Zweck dienen, den Schwachen vor dem Stärkeren zu schützen. Das ist eine Kulturleistung in der Welt, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt. Bis heute misst sich ein Rechtssystem daran, dass es nicht die Macht der Mächtigen sichert, sondern den Alten, Schwachen und Armen eine Stimme verleiht.


Bei unseren jetzigen Verordnung muss man fragen: Wen müssen wir schützen? Wie oft wird von Kindern und Alten gesprochen und wie oft von der Bundesliga und der Lufthansa? Es darf nicht jenem Recht gemacht werden, der am Lautesten ruft, sondern wer es am Nötigsten hat.


Gewiss darf man über Gesetze und Verordnungen diskutieren, ohne dass jeder gleich machen kann, was er will. Eine Geschichte in der Bibel erzählt, dass Jesus am Sabbat einen Menschen geheilt hat. Das ist für uns keine Frage. Wir erwarten regelrecht, dass auch an Sonn- und Feiertagen ein Arzt für uns da ist. Für Jesu Zeitgenossen, wie für alle Juden, ist das Gebot den Feiertag zu halten, aber sehr heilig. Darum nimmt man Anstoß an Jesu Tätigkeit am Sabbat. Davon lesen wir an vielen Stellen im Evangelium. Einmal sagt Jesus deutlich: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ (Mk 2,27) Es geht schlicht und einfach darum, nach dem Sinn und der Absicht eines Gebotes zu handeln. Um dies zu verstehen, brauchen wir selbst Sinn und Verstand.


Haben Sie so etwas? Ja, dann benutzen Sie ihn! Das Kontaktverbot einhalten, konnte man ohne nachzudenken. Mit größerer Freiheit und unterschiedlichen Verordnungen bleibt uns nichts, als den eigenen Verstand zu benutzen. Gott hat uns ja welchen geschenkt! Gelobt sei er! Wir müssen unser Leben an die Situation anpassen und daran denken, die Alten, Kranken und Schwachen zu schützen. Und dennoch dürfen wir auch den Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen ihr Leben nicht verbieten. Die Starken dürfen nicht ihre Existenz verlieren, sonst können sie auch keinem Schwachen helfen.


Also seid klug und umsichtig! Wir haben gemerkt, dass wir das Gespräch und das Zusammensein mit anderen Menschen brauchen, wie die Luft zum Atmen. Wir sind sonst kein fröhlicher Mensch mehr. Auch wissen wir mittlerweile, dass wir uns nicht um den Hals fallen dürfen, selbst wenn wir es nötig hätten. Also suchen wir jetzt mit Sinn und Verstand die richtige Nähe und den rechten Abstand.


Dieser Sonntag im Übrigen heißt: Rogate. Das bedeutet „Betet!“ Wir werden gewiss für die Armen und Schwachen beten. Aber ein Gebet ist in gleicher Weise angebracht: „HERR, wirf Hirn vom Himmel,“ sonst werden wir wirklich noch darüber diskutieren, ob nun ein Trompeter praktisch in eine Geige bliese, wenn es theoretisch möglich wäre.


Bleiben Sie tapfer und im Gottvertrauen und benutzen Sie mutig Ihren Verstand. Er ist eine Gottesgabe. Herzlich Ihr Pfarrer Torsten Schneider